Sonntag, 11 Oktober, 2020

Gedanken zur Coronakrise

 

2020 ist eine schöne, harmonische und runde Zahl, das dazugehörige Jahr allerdings aus der Reihe geraten, verstörend und ungewiss in seinem Ausgang. Eine Pandemie, verursacht durch ein bislang unbekanntes Virus, hat am Gefüge einer Gesellschaft gerüttelt, die zuletzt in dem wenig aussichtsreichen Bestreben nach permanentem Wirtschaftswachstum ihren Lebensraum einer Konsumhörigkeit geopfert hat, die nur einer kleinen Elite Zugang zu dem Luxus verschaffte, der gerne als erstrebenswert und potentiell erreichbar dargestellt wurde.

 

Doch das Modell hat Risse bekommen. Die unsichtbare, nicht greifbare, anhaltende und kaum zu verstehende Bedrohung belastet die menschliche Psyche unendlich subtiler als ein Erdbeben oder Arbeiteraufstand. Wir tun uns leichter, wenn wir ein Problem fotografieren können und damit rechnen, dass die Zeit die Wunden heilt. Unausweichliches, wie ein Meteorit auf Kollisionskurs zum Beispiel, würde die Menschheit vielleicht im Gebet einen oder sogar ein gemeinsames Vorgehen aller Mächte begünstigen, etwa die Bedrohung wild gewordener Himmelskörper mit dem eigentlich zur Selbstvernichtung vorgesehenen Arsenal zu beschießen.

 

Die aktuelle Situation ist irgendwo dazwischen angesiedelt. Eine Bedrohung, gegen die selbst materieller Wohlstand keinen ausreichenden Schutz bietet, macht auch Mächtige nervös. Eine Krankheit, die auch Menschen befällt, die sich nichts zuschulden kommen ließen, kann kaum als Ausrede für Ausgrenzung verwendet werden. Andererseits gilt genauso, dass jede Katastrophe Solidarität wachsen lässt und zahllose Menschen sich für ihre Mitmenschen einsetzen und opfern.

 

Es ist eine Chance für uns alle. Eine Chance, umzudenken, eine Chance auf eine bessere, menschlichere Zukunft, eine Chance, Wertvorstellungen zu erweitern und ja, sogar eine Chance, die Natur des einzigen Planeten zu erhalten, den wir haben und uns damit eine Zukunft in Aussicht zu stellen, die vor wenigen Monaten – zumindest was die Umwelt betrifft – schon ziemlich düster wirkte.

 

Das Jahr 2020 ist zu drei Vierteln um, die Chance ist noch nicht verpasst. Zu Beginn der Krise Anfang des Jahres eiferten Wissenschaftler um die Wette, um Kenntnis und Aufklärung bemüht, sorgten sich Politiker um die Gesundheit ihrer Völker, stellten Menschen ihre persönlichen Interessen hinter eine vielleicht nicht ausgefeilte, aber ambitionierte Strategie zur Verhinderung Schlimmeren.

 

Davon ist wenig geblieben. Kranke und Tote sind Ziffern in statistischen Tabellen geworden, Politiker bemühen sich wieder um Stimmen oder Parteiinteressen, grundsätzlich vernünftige Verhaltensregeln werden als Einschränkung persönlicher Freiheit ignoriert und das Ende der gesundheitlichen Bedrohung als neuer Startschuss wahrgenommen für die Jagd auf dieselben fragwürdigen Werte und Güter, deren Verfolgung Gesellschaft und Umwelt zu diesem Pulverfass gemacht haben, das uns jederzeit apokalyptisch um die Ohren fliegen kann. Wir sollten jedoch trotz allem den Glauben nicht verlieren, dass aus dieser Krise Lehren gezogen werden und die Gesellschaft einen Weg aus ihr findet, der uns in eine gerechtere, nachhaltigere und insgesamt bessere Zukunft führt.